Was bezweckt dieses Forum?

Das Initiativforum für Europäische Bühnenkunst möchte einen Sammelpunkt für jene bieten …

  • … denen die Kunst der Bühne in ihren traditionellen europäischen Ausprägungen „etwas bedeutet“, also im weitesten Sinne persönliches Anliegen ist;
  • … die mit der aktuellen Entwicklung der Bühnenkunst insbesondere im Kontext der Dominanz des „Regietheaters“, aber auch breiterer Krisenerscheinungen unzufrieden und unglücklich sind;
  • … und die sich auf dieser Grundlage kritisch mit der weiteren Entwicklung der europäischen Bühnenkunst auseinandersetzen und nach Möglichkeit auch aktiv in diese einbringen wollen.

Ausgangsdiagnose und Gründungmotiv dieses Initiativforums ist ein zunehmender künstlerischer Niveauverlust der Bühnenkultur, verbunden mit einem kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutungsrückgang, in mehr oder weniger allen europäischen und westlichen Ländern, insbesondere aber im deutschsprachigen Raum. Diese Entwicklung äußert sich in mehreren parallel laufenden Prozessen, so vor allem …

  • … einem generellen Trend in richtung Komplexitätsreduktion und Simplifizierung in der Aufführungspraxis, sei dies in Form substantieller „Adaptierungen“ und Vereinfachungen klassischer Dramen der europäischen Literatur in aktuellen Inszenierungen oder einer nur noch „häppchenweisen“ Präsentation von Werken der Opernliteratur;
  • … einer fast durchgehenden Tendenz zu sprachlicher Entdifferenzierung, Vergröberung und Trivialisierung im Sprechtheater; insbesondere im deutschsprachigen Raum kann ein weitgehenden Verschwinden von Schauspielern und Bühnen als Trägern einer differenzierten literarischen Hochsprache konstatiert werden;
  • … einem weitgehenden Abreißen einer auch nur einigermaßen texttreuen und szenisch werkgerechten Aufführungstradition klassischer europäischer Bühnenwerke (wobei der Begriff „klassisch“ hier umfassend verstanden wird und insbesondere auch die Moderne des späten 19. und 20. Jahrhunderts miteinschließt), die der gegenwärtigen und künftigen Generation/-en Grundlage und Anregung für eine eigenständige und differenzierte Auseinandersetzung bieten könnte; der Schwerpunkt liegt hier wiederum im deutschsprachigen Raum im Kontext des dort inzwischen seit Jahrzehnten dominierenden „Regietheaters“, greift aber zunehmend auch auf andere europäische Bühnen über;
  • … einem generell sinkenden intellektuellen wie künstlerischen Anspruchsniveau sowohl des durchschnittlichen Publikums als auch der etablierten Bühnenkritik, das sich auch in einem wachsenden Unwissen über essentielle geistig-philosophisch und historisch-kulturelle Hintergründe klassischer europäischer Bühnenwerke (sowohl im Sprech- als auch im Musiktheater) manifestiert; dazu kommt die Erosion grundlegender,  bisher oft als selbstverständlich vorausgesetzter Kompetenzen wie etwa Sprachverständnis oder Konzentrationsfähigkeit;
  • … schließlich einem zunehmenden ökonomisch bedingten Vermarktungszwang, der die erwähnten Trivialisierungs- und Verflachungstendenzen wesentlich verstärken kann, wenngleich er auch keinesfalls deren einzige Ursache darstellt und insbesondere angesichts einer in vieler Hinsicht durchaus intakten Theatertradition im angloamerikanischen Raum sehr differenziert zu beurteilen ist.

Diese Entwicklungen haben einerseits offensichtlich breite sozio-kulturelle Hintergründe (vgl. nur die vielen Staaten zunehmend intensiv geführten Debatten um den Bildungsverfall), sind andererseits aber auch in spezifischen Charakteristika der „Bühnenbetriebs“ begründet, die sich etwa von jenen der Filmbranche wesentlich unterscheiden. Für den deutschsprachigen Raum ist hier insbesondere die Dominanz des „Regietheaters“ einschlägig, also eine Aufführungsphilosophie, die dem Regisseur gegenüber dem Autor eines Bühnenwerks eine dominierende Rolle bei der szenischen Realisierung durch weitreichende Änderungen des Texts und der szenischen Anweisungen bis hin zu einer völligen Umgestaltung der Gesamtkonzeption einräumt bzw. eine solche Umgestaltung für ausdrücklich erwünscht erklärt. Ein Schwerpunkt des Initiativforums soll  folglich in der kritischen Beschäftigung mit – und letztlich der Beförderung konstruktiver Alternativen zu – dem „Regietheater“ liegen.

Eine zentrale Beobachtung in Zusammenhang mit der wachsenden Dominanz des Regietheaters in Deutschland seit den 1970er Jahren besteht darin, dass die Entwicklung immer wieder von Unzufriedenheit, Betroffenheit und Protesten nicht nur bedeutender Teile des Publikums, sondern auch wichtiger Persönlichkeiten des Kulturlebens – von Schauspielern und Regisseuren bis hin zu Schriftstellern und sogar hochrangigen Politikern – begleitet war. Allerdings haben diese Proteste gemessen an der tatsächlichen Bühnenpraxis bis jetzt so gut wie keinerlei Wirkung gezeitigt. Ein zentraler Grund dafür besteht in ihrer größenteils unsystematischen, unorganisierten und hauptsächlich von Einzelstimmen getragenen Form, die einer relativ geschlossenen Elite von in Schlüsselpositionen des Kulturbetriebs etablierten Proponenten des „Regietheaters“ gegenübersteht. Das Initiativforum soll einen Beitrag dazu leisten, die kritischen Stimmen besser zu vernetzen und letztlich auch organisierte Tätigkeiten anzustoßen.

Getreu seinem Namen soll das Initiativforum also zwei wesentliche Komponenten bieten:

Es soll einerseits „Forum“ sein im Sinne einer ernsthaften künstlerischen und intellektuellen Auseinandersetzung mit den beschriebenen Entwicklungen der europäischen Bühnenkunst, wobei ein kritischer Grundansatz durch die Ausgangsdiagnose vorgegeben ist, gleichzeitig aber eine offene und gegensätzlichen Standpunkten gegenüber aufgeschlossene Diskussionskultur als unabdingbare Grundlage einer fruchtbaren Auseinandersetzung betrachtet wird. Neben der allgemeinen Diskussion soll das Forum auch eine Plattform zum Meinungs- und ggf. Empfehlungsaustausch zu spezifischen Aufführungen bieten – dies auch vor dem Hintergrund einer oft flachen und sehr einseitig orientierten Bühnen-„Kritik“ in den meinungsmachenden Medien.

Es soll andererseits aber auch „Initiative“ sein im Sinn einer Entwicklung gezielter Änderungsanstöße, von der Abhaltung kritischer Diskussionsveranstaltungen bis hin zu direkten Engagements in den komplexen Bühnenbetrieb wie insbesondere die gezielte Förderung von Schauspielern und Regisseuren, die geeignet erscheinen, den beschriebenen Entwicklungen entgegenzuwirken.

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